NEWSTERROIR TEIL-4: Bei uns in Deutschland

TERROIR TEIL-4: Bei uns in Deutschland

Zitat Reinhard Löwenstein: „Die Formel: ‚Terroirwein ist gleich ein Wein mit Bodengeschmack‘ greift zu kurz. In Zeiten von Genmanipulation und food design definiert sich der Begriff immer mehr als Antithese zum Industriewein. Er hat eine kulturelle Dimension, die sich von monokausalen wenn-dann-Beziehungen und einem industriell-parkerpunktigen ‚Mehr‘ und ‚Besser‘ längst verabschiedet hat.“


DEUTSCHLAND (Würzburg) – Im Unterschied zu den mittelalterlichen Wurzeln des Begriffs in Frankreich taucht dieser in Deutschland erst relativ spät auf und benötigt dann einige Zeit, um sich durchzusetzen. Vor der Jahrtausendwende finden sich gerade einmal drei relevante Publikationen, die „Terroir“ mit im Titel tragen: 1998 erschien „Gesteine und Weine – Geologie und Geschmack. Anmerkungen zur geologischen Dimension des Terroirs am Beispiel des Mittelhaardt“ von Peter Rothe, zeitgleich 1999 wurden „Rebstock und Terroir. Weinbauliche Aspekte des Silvaners“ (Heinrich A. Schlamp) sowie „Terroir. Schlüssel zum Wein. Boden, Klima und Kultur im französischen Weinbau“ (James E. Wilson) veröffentlicht. Danach allerdings hat er immer mehr an Bedeutung gewonnen, ja: inzwischen wird ihm nachgesagt: „Das Terroir ist heute wichtiger als Öchslegrade. Den Erzeugern geht es zunehmend um die Herkunft des Weins, weniger um den Zuckergehalt.“ (Oliver Bock am 28.12.2019 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“).

Festzuhalten ist: Die intensive Auseinandersetzung mit dem Wort ist in Deutschland relativ neu, ihr Beginn lässt sich vor allem im Jahr 2007 verorten und insbesondere als Bemühen um die Abgrenzung von sog. Industrieweinen. Damals rückte Christoph Scheid in einem Artikel in der „Welt“ unter der Überschrift „Terroir ist die neue Weinvokabel“ die Auseinandersetzung erneut und nachhaltig ins Bewusstsein. Darin zitiert der Autor selbst wiederum mehrere Experten, vom Weingutsbesitzer (Reinhard Löwenstein: „Zu Terroir gehört auch der Niederschlag, die Rebsorte, das Mikroklima des Standorts, aber auch die Kunst des Winzers.“), der die Forderung aufstellt, der Weintrinker müsse „den Boden schmecken“, über einen Fachmann für Bodenkunde und Pflanzenernährung an der Forschungsanstalt Geisenheim (Prof. Otmar Löhnertz: „Terroir ist der Standort des Weinbergs und das, was er daraus macht.“) bis hin zum Winzer Florian Weingart aus Spay, der „Terroir“ als „Unwort des Jahres“ bezeichnet: „Terroir ist eine Marketingkampagne auf Kosten der Gerechtigkeit.“

Dem eben zitierten Reinhard Löwenstein verdanken wir auch das Buch „Terroir. Weinkultur und Weingenuss in einer globalen Welt“, in dem er sich ausführlich mit einer Thematik auseinandersetzt, die er zudem auf seiner eigenen Homepage prägnant zusammenfasst: „Terroir. Das klingt nach Erde. Doch die Formel: ‚Terroirwein ist gleich ein Wein mit Bodengeschmack‘ greift zu kurz. In Zeiten von Genmanipulation und food design definiert sich der Begriff immer mehr als Antithese zum Industriewein. Er hat eine kulturelle Dimension, die sich von monokausalen wenn-dann-Beziehungen und einem industriell-parkerpunktigen ‚Mehr‘ und ‚Besser‘ längst verabschiedet hat. Terroir ist systemisch. Klima, Boden, Rebe, die Visionen des Winzers … Im schöpferischen Zusammenspiel reifen Weine, die sich durch Individualität, Authentizität und Komplexität auszeichnen.“


Terroir wird in Deutschland hoffähig

Geht es um eine Definition in Deutschland, die, wenn schon nicht justiziabel, so doch gemeinhin als verhältnismäßig verbindlich angesehen werden kann, so werden wir auf den Seiten des Deutschen Weininstituts fündig. Hier heißt es ausführlich: „Terroir: Schmeckbare Herkunft des Weines. Wenn es um Terroir geht, kommt vor allem dem Boden eine zentrale Rolle zu. Aber der Begriff umfasst längst nicht nur die Bodenstruktur des Weinbergs. Vielmehr verdeutlicht die Bezeichnung ‚Terroir‘ die Komplexität des Weinbaus, bei dem mehrere Faktoren ineinandergreifen, sich ergänzen und letztendlich eine Einheit bilden.

Die Intention des Terroir-Gedankens ist, dass der Wein ein geschmackliches Spiegelbild seiner bestimmbaren Heimat ist und den Charakter seiner Herkunft schmeckbar macht. Er schließt deswegen neben dem Boden auch die Rebsorte, die besonderen klimatischen Verhältnisse und natürlich die Arbeit des Winzers mit ein. All diese Faktoren werden unter dem Begriff ‚Terroir‘ zusammengefasst und sind untrennbar miteinander verbunden. Das wichtigste Kapital ist dabei sicherlich der eigentliche Nähr-Boden, der gleichzeitig einen relativ konstanten Faktor darstellt. Denn vorhandene Bodenformationen und geographische Besonderheiten ändern sich in aller Regel nur durch einen massiven Eingriff des Menschen. Der Winzer muss erkennen, welche Rebsorte – unter Berücksichtigung der klimatischen Besonderheiten – für seinen Weinberg und seinen angestrebten Weinstil am besten geeignet ist.

In dieser Konstellation – Boden, Klima, Rebsorte und Winzer – entsteht bei harmonischem Zusammenspiel der unverwechselbare Charakter eines Weines. Damit bietet das Terroir in seiner jeweiligen geographischen Begrenzung durchaus geschmackliche Sicherheit – und genau darin liegt seine Authentizität begründet. In den richtigen Händen kann nahezu jede Bodenformation großartige Weinqualitäten hervorbringen. Ausgezeichnete Weine von mehr oder weniger unbekannten und nicht historischen Weinbergen haben dies in den letzten Jahrzehnten eindrucksvoll und schmeckbar bewiesen.“

Dass Deutschland dennoch mit einer einheitlichen Definition bzw. Meinung hinter einer eher standardisierten Begriffsbestimmung in Frankreich zurücksteht, mag auch daran liegen, dass Jahrgangsschwankungen in Bezug auf die Qualität hier so groß sind, dass sie die lagenbedingten Unterschiede stark überlagern; zugleich scheint es aber evident, dass man nur bei gleichbleibenden klimatischen Voraussetzungen von „Terroir“ sprechen kann. Für eine noch weiterführende, eingehende Betrachtung empfiehlt sich das Buch „Terroir. Wetter. Klima, Boden“ von Dieter Hoppmann, Klaus Schaller und Manfred Stoll, das 2017 in zweiter Auflage erschien und 2019 mit dem „Prix de l’OIV“ prämiert wurde.


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