TERROIR TEIL-1: Das berühmte, unbekannte Phänomen

„Wir gehen zum jetzigen Zeitpunkt allerdings davon aus, dass sich das germanische Qualitätssystem weiterentwickeln wird, hin zum romanischen System und dem ‚Terroirprinzip‘.“ Mit diesem Paukenschlag endet die Antwort einer Sprecherin des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft auf unsere Frage, ob das neue Weingesetz, das sich derzeit in Arbeit befindet, erstmalig auch den Begriff „Terroir“ beinhalten werde.


DEUTSCHLAND (Würzburg) – Tauchen Sie ein in eine Begriffswelt, die in Teilen der Weinwelt etabliert scheint, sich auch immer mehr in andere Bereiche ausbreitet, aber vor allem in der Weinszene kontrovers diskutiert wird – „Terroir“. Ist der Begriff fassbar, definierbar – oder ist er ein unerklärliches Phänomen?

Neues Weinrecht in Vorbereitung

Was bedeutet dies? Beim Wein unterscheidet man grundsätzlich zwischen zwei Qualitätsphilosophien, hinter denen jeweils unterschiedliche Ansätze stehen. Das „germanische“ System ist vom Grundsatz der Qualität im Glas geprägt. Das heißt, dass die Qualität eines Weins systematisch von amtlichen Institutionen geprüft wird, unabhängig vom Ursprung seiner Trauben. Das Abschneiden bei dieser Prüfung entscheidet über seine qualitative Einstufung.

Anders dagegen das romanische System: Dieses ist vom Grundgedanken des „Terroir“ bestimmt, wonach die Qualität eines Weins in erster Linie durch seine Herkunft und damit insbesondere durch Faktoren wie Bodenqualität sowie Mikroklima in Verbindung mit jeweiliger Rebsortenauswahl und damit menschlichen Einflüssen geprägt wird. Daher gibt es im romanischen System auch klassifizierte Weinberge und Lagen, was das germanische System nicht kennt. In Frankreich beispielsweise soll jede Herkunft für ein klares Profil stehen und dem Grundsatz folgen: „Je kleiner die Herkunft(-sbezeichnung), desto höher die Qualität.“

Wenn nunmehr eine Novelle des Weingesetzes angedacht ist, in der zukünftig die Idee bzw. gar der Begriff des „Terroir“ eine dominierende Bedeutung findet, so muss dies zwangsläufig im Vorfeld zu einer verstärkten Reflexion des Begriffs „Terroir“ führen und letztlich sogar zu seiner justiziablen Definition. Ein geeigneter Zeitpunkt also, sich hier mit aktuellen Diskussionen, mit historischen Entwicklungen und mit gegenwärtigen Einschätzungen von Weinen auseinanderzusetzen.

„Terroir“ allüberall

Er ist in aller Munde – im wahrsten Sinne des Wortes: Egal, was der Connaisseur im Glas schwenkt, was der Weinexperte in der Fachliteratur liest, worauf der Winzer in der Natur steht – „Terroir“ ist allgegenwärtig. Der Begriff allein bürgt schon für eine Qualität, die zum Genießen auffordert: Weingüter produzieren „Terroirweine, die zum Besten gehören, was die Toskana zu bieten hat“ (Christian Eder für „Vinum“, 2019), die ProWein 2020 wirbt für Entdeckungen „nachgefragte[r], terroirgeprägte[r] Tropfen, die sich klar vom Mainstream unterscheiden“ und sprechen von guten Weinen mit einer „Herkunft, die man schmeckt“ (Bastian Mingers, Direktor ProWein, 2019). Damit scheint alles klar: Jeder verwendet den Begriff, jeder kennt das Wort – aber offenbar versteht jeder etwas anderes darunter.

Was ist „Terroir“? Alter Begriff, alte Diskussion – neuer Streit?

„Terroir“ – es gibt kaum einen Begriff, über den sich in der Welt des Weins so trefflich diskutieren, ja manchmal gar streiten lässt. Dabei lassen sich einerseits Argumentationslinien über Berufsgrenzen hinweg verfolgen, andererseits unterschiedliche Meinungen identifizieren innerhalb einer Berufsgruppe. Was also hat es mit diesem Begriff auf sich, der so häufig gebraucht, so oft beschworen und gleichermaßen so wenig definiert ist?

Dabei scheint die tatsächliche (deutsche) Bedeutung doch relativ einfach vom lateinischen Ursprungswort „terra“ abzuleiten und mit „Land, Boden, Erde“ leicht wiederzugeben zu sein. Allerdings stoßen wir bereits dann auf eine Herausforderung, wenn wir die eindeutig französische Konnotation miteinbeziehen: Die digitale Vokabelplattform leo.org übersetzt das Wort mit „die Gegend“ und bietet zum anderen den identischen Begriff auch für das Deutsche an, weist damit mithin auf die Unmöglichkeit hin, ihn korrekt übersetzen zu können.

Die Phrase „l’attachement au terroir“ wird dabei mit „Bodenständigkeit“ übersetzt, der Ausdruck „produits culinaires du terroir“ mit „regionale kulinarische Erzeugnisse“. Darüber hinaus kommt man nicht umhin, in die Betrachtung den Begriff „Terrain“ mit einzubeziehen: Sollte sich das lateinische Wort „terra“ vielleicht (ausschließlich) hier manifestiert haben und „Terroir“ etwas ganz anderes sein?

Die Suchmaschine Google jedenfalls lieferte am 22.07.2020 innerhalb von 0,46 Sekunden immerhin 28.800.000 Treffer. Zum Vergleich: Der Begriff „Wein“ benötigt 0,55 Sekunden für 115.000.000 Anzeigen, der Begriff „Korken“ 0,51 für 3.170.000 Ergebnisse und der Begriff „Winzer“ 0,49 für 10.900.000 Resultate. Ist das Terroir also wichtiger als Korken und Winzer – oder liegt dies ausschließlich in der Tatsache begründet, dass der Begriff in mehreren Sprachen Verwendung findet?


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