Ein Blick in die Kristallkugel: Weinszene im Jahr 2021

Covid-19 und damit die Pandemie hat unsere önophilen Gewohnheiten auf den Kopf gestellt und stark verändert: wieviel Wein wir kaufen (weltweit 2020 mehr als zuvor), wieviel Wein wir konsumieren (letztes Jahr in Deutschland mehr als in 2019), wie wir Wein verkosten und neu kennenlernen (zunehmend virtuell) und wo wir Wein genießen (nicht auf Partys, nicht in Bars, nicht in Restaurants).


DEUTSCHLAND (Würzburg) – Wer hätte zu Beginn der Pandemie einer Prognose zugestimmt, dass in 2020 weltweit mehr Wein konsumiert wird, dass Weinverkostungen und Weinmarketing mittels Podcasts, Videos und Chats auch viele Winzer in die Welt neuer visueller Techniken und Social Media saugen würde. Wohl kaum jemand. Rückblickend auf 2020 ist die Weinbranche in Deutschland mit einem blauen Auge davon gekommen, nicht, weil es Zufall gewesen wäre, nein, gerade weil sie sich bewegt und neue Möglichkeiten akzeptiert hat. Chats mit Kunden und Kollegen haben in 2020 eine ganz neue Bedeutung bekommen.

Wein war und ist in der bisherigen Pandemie ein großartiger Netzwerker dank der Chat-Apps, die halfen, die Weingläser zu füllen. Erfreulich ist zu konstatieren, dass Weinfreunde während der bisherigen Pandemie virtuell die Gläser heben konnten, dass sie virtuell Genüsse mit Freunden teilen konnten und dass sie ohne sich ins Auto oder in den Flieger zu setzen in fremde Weinregionen reisen konnten. All dies verschaffte den Weingütern und Weinhändlern neue Kontakte und zum Teil annähernd ausgleichende Umsätze, die sie so nicht für möglich gehalten hätten.

Überraschenderweise verstärkte sich in der Pandemie der Trend zum Rosé. Immer mehr deutsche Winzer entdecken die Lust der Konsumenten am Gin, produzieren eigene Varianten und komplettieren damit ihr Angebot. Auch Fruchtweine mit innovativen Aromen, die Geschmackserlebnisse bieten, erobern die Herzen der Kunden. Aus den USA schwappt Hard Seltzer zu uns, ein mit Alkohol angereichertes Mineralwasser (auch „Skinny Bitch“ genannt). Parallel interessierten sich in der Pandemie vor allem die jungen Menschen für Cocktails aus der Dose.

Aber das ist nur eine Seite der Medaille. Die Pandemie zwingt zu Veränderungen in positiver wie in negativer Sicht. Gerade hat ein Traditionsgut seine Tore geschlossen: Paul Graf von Schönborn gab vor kurzem schweren Herzens die Schließung seines Domänenweinguts im Rheingau bekannt – mehr dazu in unserem Beitrag: „Weingut Schloss Schönborn macht im Rheingau dicht“. So wie dieses Traditionsgut unter der Pandemie und unter den Beschränkungen (Strafzöllen) bei Exporten in die USA litt, ergeht es vielen Erzeugern. Eine Reihe von ihnen müssen aufgeben, andere müssen Rebflächen verkaufen, verpachten oder wegen des Klimawandels mit passendem Rebmaterial neu anfangen. Hinzu kommen in den Letzten Jahren vermehrt Unwetter und Hitzeperioden, die vielerorts Ernten vernichten und damit die Existenzen so mancher Erzeuger gefährden.

Nicht nur Pandemie, auf deren Ende jeder hofft, macht der Weinindustrie zu schaffen. Die wohl kaum noch abwendbare Klimaveränderung bleibt für die nächsten Jahrzehnte eine große Herausforderung. Im vergangenen Jahr erlebte Burgund die früheste Ernte aller Zeiten. In Kalifornien litten die Menschen im vierten Jahr in Folge an verheerenden Wald-und Flächenbränden, die Häuser, Teile von Ortschaften, Weingüter und Weinberge verwüsteten. In Australien kämpfte die Bevölkerung zum Jahreswechsel 2019/2020 gegen die Buschfeuer, die auch Weinregionen dem Erdboden gleich machten und komplette Ernten vernichteten.

Blick in die Zukunft

All dies sind unverkennbare Zeichen dafür, dass Viren gleichermaßen wie das Klima wirklich ernste Themen sind, mit denen wir lernen müssen umzugehen. Und was kommt 2021. Nun ich bin kein Hellseher, aber einige Veränderungen in der internationalen Weinszene machen sich am Horizont bemerkbar. Hier nur einige davon:

Gin vom Weingut
WIRGIN – handgemacht und verfeinert mit Wacholder, Lavendel und Pfeffer. (Foto: Arthur Wirtzfeld)

Gin-Hype auf Basis regionaler Botanicals

„Liquid Experts“, Bartender, Hersteller sowie Distributoren von Spirituosen sagen dem Gin eine rosige Zukunft voraus. Eigentlich war es nicht vorhersehbar, dass der deutsche Markt mit Wein, Sekt, Bier und den traditionellen Schnäpsen eine weitere Alkoholart derart aufkommen lässt, wie den Gin. Doch die wachsende Gemeinschaft der Gin-Connaisseure und Wacholderliebhaber steht hinter dem in Deutschland mit Abstand am stärksten wachsenden Destillat.

Die Stärke des Gin liegt auch in seiner Regionalität begründet. Immer mehr Winzer widmen sich diesem Destillat, das mit einer Vielfalt an Geschmacksnuancen aufwartet. Ein Gin bietet in der Produktion individuelle Möglichkeiten. Neben Wacholder kann eine Vielzahl von Früchten und Gewürzen vermengt werden und eine Lagerung in gebrauchten oder neuen Holzfässern birgt weitere Geschmacksnuancen. Mit individuellen Varianten kann so jeder Erzeuger bei seinen Kunden punkten.

Weltweit gibt es über 6.000 Gin-Varianten von unterschiedlichen Herstellern. Da Gin international zu den beliebtesten Getränken gehört, sollten die deutschen Winzer diesem Destillat zukünftig noch mehr Aufmerksamkeit schenken und damit weiteren Protagonisten wie Whisky, Rum, Tequila, Sake und Co. den Markt streitig machen.

Rosa Prosecco – Das große Ding

Man könnte fast wetten, dass 2021 das Jahr des Prosecco-Rosé werden wird. Erst Ende November letzten Jahres, also noch taufrisch sozusagen, startete die zugelassene Kategorie mit DOC-Status in Italien, wo diese bereits einen Boom ausgelöst hat. Die Kombination des Trends Prosecco in Kombination mit Prosecco-Rosé, Letzterer mit einem Anteil von bis zu 15 Prozent Pinot Noir, ist eine sichere Sache in Europa und in Übersee. Mittlerweile mehr als 100 Etiketten haben allein in den USA, dem wichtigsten Exportland für Prosecco, eine Zulassung beantragt.

Stefano Zanette, Präsident des Consorzio Prosecco DOC, zeigt sich erfreut über diese neue Möglichkeit und spricht von einer anvisierten Produktionsmenge von 20 Millionen Flaschen des rosé-farbenen Sprudlers. Skeptiker warnen, dass man dadurch die Tradition des Prosecco, der immer nur weiß gewesen sei, verlassen würde. Aber schon jetzt hat sie der Erfolg mundtot gemacht.

Portugal – Weinland des Jahres 2021

Portugal könnte sich in 2021 zu einem der gefragtesten Weinländer mausern. Zum Ende des Jahres 2020 konnte Portugal seinen Anteil im wichtigsten Exportmarkt USA um über 30 Prozent steigern. Während vor allem Frankreich und Deutschland unter den Trump´schen Strafzöllen zu leiden hatten, erweitere Portugal klamm und heimlich seinen Marktanteil jenseits des Atlantik.

Der Grund für den Erfolg ist schlicht und einfach: das Preis-Qualitäts-Verhältnis. Die Rotweine aus dem Douro sind schon mal bekannt und sie sind köstlich. Aufsteiger ist die Region Alentejo mit frischen und aromatischen Weißweinen und saftigen und körperreichen Rotweinen. Hier sind auch namhafte, modern agierende Erzeuger am Werk, die generell auf Nachhaltigkeit und grünes Weinbaudesign ihren Fokus setzen. All dies lässt Großes erwarten.

Virtuelle Verkostungen bringen neue Unternehmensvorteile

Bis zur Pandemie waren Besuche von Kunden oder von Gästen, die zu Kunden umfunktioniert werden konnten, in den Verkostungsräumen und in den Weinkellern der Erzeuger sehr willkommen und ein traditioneller Erfolgsgarant. Doch in der Pandemie, vor allem während der bisherigen Lockdowns, war dies nicht mehr möglich. Viele Winzer wechselten daher mehr oder minder schnell zu virtuellen Verkostungen. Dazu musste nicht nur die fremde Technik erlernt werden, sondern um über diesen Kanal erfolgreich zu sein, musste auch ein Mitglied der Familie oder ein Mitarbeiter mit schauspielerischen Kenntnissen gefunden werden. Waren die Onlineverkostungen anfänglich eher holprig, von Nervosität gekennzeichnet, so merkt man immer mehr eine aufkommende Routine in diesem Metier.

Was niemand glauben wollte: Die Kunden nahmen diese Art der Kommunikation dankbar an. Ja so mancher Protagonist konnte in Vorträgen, bei Fragen und Antworten mit Sympathie und Professionalität glänzen. Diese online vorgetragenen Verkostungen werden bleiben und werden sicher noch die Fantasie von Anbieter und Konsument beflügeln. Also, weiter so!

Die Zukunft: Online-Zugang zum Wein

Der Online-Verkauf von Wein boomt mit stellenweise bis zu dreistelligen Wachstumsraten. Der Konsument kann sich sicher sein, dass die Produzenten in dieses Ressort investieren werden. Und so werden wir erleben, dass in 2021 neue und erweiterte Shops lanciert werden und spezielle Suchmaschinen und neue Apps diesen Trend begleiten werden.

Was der Winzer bei online Aktivitäten vorrangig im Fokus haben sollte, sind neben den Wünschen der Kunden ihre modernen Gewohnheiten der Kommunikation im Netz. Dazu gehören einfach zu navigierende Webseiten. Das Design der Seite muss einen persönlichen Touch haben, ansprechend sein. Informationen müssen intuitiv erscheinen. Kontaktanfragen müssen schnell bearbeitet, Fragen freundlich und schnell beantwortet werden. Die Kommunikation sollte nicht nur per Telefon oder über Mail stattfinden, sondern auch über Social Media und Instant-Messaging-Dienste.

Ab jetzt stellt sich also nicht mehr die Frage, ob eine statische Webseite oder ein einfacher Shop ausreicht, sondern es geht vielmehr um Erlebnisse. Videos, Podcasts, Polls, Gewinnspiele – die Webauftritte werden bewegt und fordern zu aktiven Handlungen auf. Denn der moderne Konsument will online abgeholt werden und dazu werden wir zukünftig innovative Lösungen erleben.

Traditioneller Oenotourismus ist vorerst passé

Besuche bei Weingütern sind momentan nicht möglich und werden kurzfristig auch nicht machbar sein. Wer dem entgegnen will, der holt sich seine Kunden virtuell in den Weinberg, in den Keller, auf den Hof und in die Verkostungsstube. Bei diesem Metier ist Geschick und Phantasie gefragt. Die Kunden wollen aktive Szenen, sie wollen auch hier mit Weinerlebnissen abgeholt werden, keine Frage. Es wird zukünftig eine neue, zusätzliche Variante von Oenotourismus geben und Konsumenten können gespannt sein, was Ihnen die Produzenten diesbezüglich bieten werden.

Kurzes Fazit

Die Gesellschaft wird die Pandemie besiegen. Weinerzeuger werden sich flexibel auf den Klimawandel einstellen. Weinliebhaber werden zukünftig eine neue modernere Weinwelt erleben. Ich bin da optimistisch, weil die Weinszene lebt, sie lässt sich auf Veränderungen ein, sie ist erstaunlich flexibel und wird sich neue Felder erschließen.

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