NEWSEffekthascherei oder ist Cannabis-Wein ein Trend?

Effekthascherei oder ist Cannabis-Wein ein Trend?

Lockdowns bergen in sich so manche Idee, die nur zum Vorschein kommt, weil Ideen zuweilen ausreichend Zeit fürs Nachdenken benötigen. Oder ist es reines Marketing, was sich Raphael de Pablo hat einfallen lassen – eine Kombi aus Cannabis und Petit Verdot? Jedenfalls wurde die Zulassung zur Produktion von Cannabis-Weinen aus französischer Produktion vor dem EuGH erfolgreich erstritten.


FRANKREICH (Bordeaux) – Also schon mal vorab: Bei einer Zugabe von Cannabis während der Produktion von Wein können wir rechtlich nicht von Wein sprechen, sondern diese Mixtur ist ein aromatisiertes Getränk auf Weinbasis. Das ändert auch nichts daran, dass de Pablo, vermeintlich erster Produzent von Cannabis-Wein in Frankreich, versichert: „Nichts unterscheidet sich von der Herstellung eines klassischen Weins, dessen Produktion sogar unter den Augen des Direktors eines großen Bordeaux-Schlosses überwacht wurde.“

„Der ‚Burdi W‘ zeigt eine Note von schwarzen Johannisbeeren und hat bei Genuss eine sehr entspannende Wirkung“ konstatiert ein Bordelaiser Magazin. Ob diese Wertung vielleicht vom berühmten Önologen Michel Rolland stammen mag, ist nicht bestätigt. Jedenfalls war Rolland zusammen mit seinem Freund Alain Raynaud, unter anderen Eigentümer von Château Quinault (Saint-Emilion) und Mentor des Projektes, bei der ersten öffentlichen Verkostung zugegen. Rolland soll den Cannabis-Wein „mit Vergnügen“ verkostet haben, heißt es im Magazin.

Finanziert wurde das Projekt „Burdi W“, so ist der Cannabis-Wein benannt, von der französischen Crowdfounding Plattform KissKissBankBank. „Ohne Unterstützung hätten wir es nicht geschafft und jetzt konnten wir unseren Cannabis-Wein lancieren, der beim Genuss dem Konsumenten einen garantierten Entspannungseffekt bietet, vorausgesetzt er wird in Maßen konsumiert“, erläutert de Pablo. Und so ist seit kurzem der „Burdi W“ der erste französische Cannabis-Wein auf dem Markt, dessen Kategorie sich laut Insidern zukünftig rasant entwickeln wird.

Warum Cannabis?

Es gibt die verschiedensten Mixturen von Fruchtsäften und Kräutern, die vergorenen Weintraubensaft als Basis haben. Daraus ist längst ein Trend geworden und der Markt für solche aromatisierten Wein- oder Saftgetränke ist riesig. Beim „Burdi W“ wird letztlich das Molekül Cannabidiol (CBD) dem Wein zugegeben. CBDs wirken entkrampfend, entzündungshemmend, angstlösend und helfen Übelkeit zu lindern. Weitere pharmakologische Effekte wie eine antipsychotische Wirkung sind noch in der Forschung. Aber genau diese entspannenden Wirkungen sind der Grund warum CBD, entgegen THC (psychoaktive Substanz, die auch zu den Cannabinoiden zählt), in Frankreich seit Ende letzten Jahres zugelassen ist.

„Im ‚Burdi W‘ steckt 100 Prozent Petit Verdot“, erklärt de Pablo, der im Departement Gironde „The Medical Farm“ betreibt und in der Nähe das erste THC-freie Cannabis-Feld angelegt hat. Gegen den Anbau und die Verwendung von CBD in Wein musste de Pablo aber erst auf eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) warten. Im November 2020 hatte der EuGH das bis dahin geltende Verbot zur Verwendung von CBD in französischem Wein für illegal erklärt und betont, dass dieses in Hanf (oder Cannabis sativa) enthaltene Molekül „keine“ psychotrope oder schädliche Wirkung auf die menschliche Gesundheit hat. Damit war der Weg frei für die Verwendung von CBD in weinähnlichen Getränken. De Pablo verwendet Zusätze von CBD außerdem bei der ebenfalls eigenen Herstellung von Ölen und Salben.

Validierung durch den Önologen und Arzt Alain Raynaud

Das Cannabis-Feld von Pablos Unternehmen mit 1,4 Hektar, gelegen im Departement Gironde, ist eines von vier bisherigen Versuchsfeldern, wo nun offiziell Ernten von CBD zur Produktion von Wein beginnen. Zuvor gab es in Frankreich nur drei Felder des gleichen Typs, von denen sich zwei in Nouvelle-Aquitaine befinden, das andere in der Creuse. „Wir haben in Frankreich einen offiziellen Katalog mit Angaben zu Hanfsamen“, erklärt de Pablo. „Darin sind 25 Sorten gelistet, aber nur eine erlaubt uns das zu tun, was wir heute tun. Während des Wachstums entfernen wir alle männlichen Pflanzen und nur die Blühten der weiblichen Pflanzen werden verwendet. Wir reduzieren dadurch das zu erntende Material und damit vorweg den Anteil an CBD.“ Die Ernte wird anschließend in einem zertifizierten Bio-Labor in Deutschland extrahiert. Das Ergebnis ist ein Konzentrat an CBD.

Produktion und Design des „Burdi W“ wurden von Alain Raynaud begleitet und überwacht. „Es ist eine erste Erfahrung, ich habe diese Art von Produkt noch nie probiert“, gesteht Alain Raynaud. „Es ist nicht nur ein Wein basierend auf Weintrauben, sondern er sieht auch aus wie Wein, reicht wie Wein und er schmeckt wie Wein. Ich kenne Wein seit 40 Jahren und es ist sehr spannend, den ‚Burdi W‘ zu verkosten. Es ist ein Getränk, dass ich gerne genieße.“

Cannabis Wein Burdi W
Önologe Michel Rolland und Chateaux-Eigner Alain Raynaud verkosten den Burdi W. (Foto: burdi.w / Facebook)

Keine Angst vor Nebenwirkungen

Die Herstellung von Cannabis-Wein ist ein ernst zu nehmendes Geschäft, das allerdings eine sehr sorgfältige Dosierung des CBD erfordert, um eine Ausgewogenheit zu erhalten. Bis zu drei Monate braucht das Verfahren. „Es ist sehr kompliziert, weil Cannabis starke Terpene enthält. Man muss die richtige Kombination finden, die zum Weingeschmack passt“, erklärt de Pablo. Terpene sind in Pflanzen vorkommende Verbindungen, die ihren unverwechselbaren Geruch und Geschmack bei Verwendung weiterreichen. „Wir bändigen die Terpene so, dass ein echtes Geschmacksinteresse entsteht. Wir wollen sehr fruchtige Noten mit einem Hauch von schwarzen Beeren, die den Geschmack des Petit Verdot unterstützen“, erläutert de Pablo.

Der „Burdi W“ enthält rund 45,5 mg CBD. Dies ist ein etwas höherer Wert im Vergleich zu Cannabis-Weinen aus den USA, die bei rund 40 mg pro 750 ml Volumen liegen. In Kalifornien ist vor allem der Winzer Muiris Griffin aus dem Napa Valley bekannt für solche Mixturen. Griffin, der bei Pape Clément, Opus One, Ridge und Round Pound gewirkt hat, begleitet eine Handvoll Start-ups, die mit CBD versetzte Getränke zum Trend machen wollen. Vor allem wird bei den US-Produkten großen Wert darauf gelegt, dass die Trauben aus renommierten Regionen stammen wie beispielsweise dem kalifornischen Sonoma County und Napa Valley.

Halluzinierende Römer und Gallier

„Statt durch hohe Alkoholgehalte beruht die Sensation bei Cannabis-Wein auf der Zugabe einer wasserlöslichen Cannabis-Mischung, die dem Wein zugesetzt wird. Man spürt die Wirkung in wenigen Minuten“, ist das Credo aller Start-ups in der Cannabis-Szene. „Mit unserem ‚Burdi W‘ wollen wir den Bordeaux-Weinmarkt durch Verjüngung wiederbeleben und ein neues Publikum erreichen, das sich für auf CBD-basierende Produkte interessiert“, betont de Pablo.

Während der „Burdi W“ in Frankreich eine Premiere darstellt, sind Mixgetränke mit Cannabis längst nichts Neues. „Es gibt diese auf Wein basierenden Getränke auch schon im Nachbarland Spanien aber gerade ein CBD-Wein aus Kalifornien brachte mich auf die Idee, so ein Getränk in Frankreich zu produzieren“, resümiert de Pablo.

Nun sind mit Cannabis angereicherte vergorene Traubensäfte weltweit schon in der Produktion oder befinden sich in letzten Testphasen. Was viele vielleicht nicht wissen: das entsprechende Anreichern von Wein ist ein antikes Handwerk. Wir kennen den Vorgang eher aus der Herstellung von Glühwein, wo Kräuter und Fruchtaromen mit Wein vermischt werden. In einigen Artikeln über archäologische Ausgrabungen ist davon die Rede, dass das Volk der Gallier und später die erobernden Römer im heutigen Frankreich Hanfwein produzierten und konsumierten. In der gesamten Antike dürfte die halluzinierende Wirkung das Ziel gewesen sein – ob es heute anders ist?

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