NEWSBordeaux: Hartes Urteil gegen Winzertochter und Aktivistin

Bordeaux: Hartes Urteil gegen Winzertochter und Aktivistin

Valérie Murat, Tochter eines Winzers und Aktivistin wurde zu einer hohen Geldstrafe verurteilt, weil sie öffentlich Pestizid-Rückstände in Bordeaux-Weinen angeprangert hatte. Das Urteil steht, aber es wird große Wellen der Entrüstung geben.

FRANKREICH (Bordeaux) Die französische Justiz hat eine Winzerstochter und Aktivistin wegen Vorwürfen der Verleumdung zu einer hohen Geldstrafe verurteilt, weil sie öffentlich Pestizid-Rückstände in Bordeaux-Weinen angeprangert hat. Ein Gericht im südwestlichen Libourne unweit von Bordeaux verhängte am Donnerstag eine Schadenersatzzahlung von 125.000 Euro gegen Valérie Murat, Sprecherin der Organisation Alerte aux Toxiques. Das Gericht gab damit einer Klage des Weinbauverbands CIVB statt.

Der Lobbyverband soll mit 100.000 Euro einen Großteil des Geldes erhalten, die übrigen 25.000 Euro sollen fünf weitere Kläger in dem Verfahren bekommen. Murat und ihre Organisation hatten im September in einer Studie Rückstände einer Reihe von Pestiziden in 22 Weinen mit dem Umweltlabel HVE (la haute valeur environnementale) entdeckt, darunter in 19 Bordeaux-Weinen. Die Pestizid-Belastung bewegte sich allerdings im legalen zulässigen Bereich.

Das Gericht gab daher dem klagenden Verband Recht, der sich zu Unrecht verleumdet sah. Der “Fehler” liege auf Seiten der Aktivistin Murat und der Organisation Alerte aux Toxiques, urteilten die Richter. Die Präsentation der Studienergebnisse habe dem “Weinbaugebiet Bordeaux Schaden zugefügt”. Der klagende Verband focht auch erfolgreich die veröffentlichten Studienergebnisse an. Der CIVB zeigte sich “sehr zufrieden” mit dem Urteil. Hier sei nicht die freie Meinungsäußerung verurteilt worden, sondern “die Lüge und nichts anderes”, sagte CIVB-Präsident Bernard Farges der Nachrichtenagentur AFP. “Man kann sich streiten, man kann informieren, aber man darf nicht die Realität verdrehen.“

Murat zeigte sich erschüttert. Es sei verboten, Kritik zu äußern und “zu enthüllen und zu sagen, dass in HEV-Weinen Pestizide sind, die zu den gefährlichsten überhaupt gehören”, beklagte sie gegenüber AFP. Sie kritisierte zudem die horrende Summe, die sie nun zahlen muss. “Ich bin keine reiche Besitzerin großer Weinanbaugebiete so wie einige, die mich angreifen.” Sie kündigte Berufung gegen das Urteil an.

Murat ist Tochter eines Winzers. Ihr Vater James war 2012 an Krebs gestorben, was als Berufskrankheit anerkannt worden war. Er war über 40 Jahre lang einem Pflanzenschutzmittel für Weinreben ausgesetzt, das 2001 in Frankreich verboten wurde. In dem Fall läuft ein Strafverfahren. James Murat hatte selbst keine Zeit, eine Klage gegen die chemische Industrie und den Staat einzureichen. Seine Tochter hat das mittlerweile übernommen. Valérie Murat kämpft weiter, „denn es werden immer noch andere, sehr schädliche Pestizide auf die Rebe gesprüht, darunter beispielsweise CMR und weitere krebserregende Stoffe“, sagt Murat.

Der Grünen-Europapolitiker Martin Häusling sprach von einem “unverzeihlichen Angriff auf die Redefreiheit und den Verbraucherschutz”. Es sei “schlimm genug”, dass die Höhe der im Wein gefundenen Rückstände noch legal sei, erklärte er. Es sei aber eine “bewusste Verbrauchertäuschung”, wenn auf dem Weinetikett noch das Umweltprädikat HVE geprangt habe. Dass Murat nun für das Aufdecken dieser Verbrauchertäuschung “horrende Strafzahlungen” leisten müsse, sei “ein handfester Skandal”. Häusling rief zum Boykott konventioneller Bordeaux-Weine “in ganz Europa” auf.


Eigentore von Bordeaux

Ein Kommentar von Rudolf Knoll

Die Klage des Bordelaiser Winzerverbandes mag in der Sache logisch und berechtigt klingen. Sie kann aber auch als peinliches Eigentor gewertet werden. Denn erstens zeugt es nicht von Souveränität, wenn die Vertretung der Erzeuger mit Kanonen auf einen Spatz schießt, um ihn mundtot zu machen. Besser wäre es gewesen, sich in aller Stille mit der Sache auseinanderzusetzen und mit den betroffenen Winzern (darunter auch namhafte Châteaux, deren Weine ab 150 Euro aufwärts gehandelt werden) darüber reden, wie man den Pestizid-Einsatz reduzieren kann, wenn es schon nicht möglich ist, ganz auf die Spritzungen zu verzichten. „Aus Schaden lernen“ ist ein passendes Sprichwort.

Man hätte aus diesem Anlass auch auf breiter Front für mehr Bio-Anbau im Bordelais werben können (bislang kein bedeutendes Thema im Gebiet) und darüber diskutieren müssen, was – wie geschehen – ein Umweltlabel auf den 22 betroffenen Pestizid-Tropfen zu suchen hat. Das ist bewusste Verbrauchertäuschung und eigentlich ein Fall für ein Gericht!

Eigentor auch deshalb, weil über Klage und Urteil in vielen gedruckten und Sozialen Medien sehr umfangreich und kritisch berichtet wurde. Dahinter stehen etliche Millionen Leser, von denen viele künftig dem Wein aus Bordeaux vielleicht kritischer gegenüberstehen und ihrem Händler unangenehme Fragen stellen, so dass er sein Sortiment neu aufstellt.

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